Helgoland – Edinburgh Regatta 2005 auf der „Tramontane"

Der nachfolgende Text ist eine Abschrift meiner täglichen Notizen auf der Edinburgh Regatta. Die Crew der „Tramontane“ bestand aus fünf Personen. Gefundene Rechtschreibfehler dürfen behalten werden. Wer damit noch nicht zufrieden ist darf sich auch die Bilder ansehen.


Tag 0 15.05.2005

Helgoland

07:10 Uhr, auslaufen Cuxhaven bei 4-5 Windstärken, beginnender Sonneneinstrahlung und abwesenden Wolken. Wir können bis Fahrwassertonne 10 gut anliegen, doch dann flaute der Wind ab und die Maschine wird angeschmissen. Nach insgesamt fünf Stunden einlaufen in Helgoland mit Landgang, lange laufen und lange Kaffee trinken. Lange Weile kam bis jetzt noch nicht auf. Die Crew ist sehr nett und gut zusammengestellt, man kann sich gut unterhalten, gute Stimmung, etc.. Ich hoffe, dass J. als Wettfahrtleiter noch herausfindet wie wir die Tonnen zu nehmen haben, aber das wird schon. Die Hummer beschweren sich sowieso nicht. Die Wetterberichte sind im Moment noch so ungenau, dass ich mit Wolkenlesen angefangen habe: Schaf auf dem Rückenliegend, gefolgt von Ente (süß-sauer?) und Toastern. Fazit: Nördliche Winde um die 6 Windstärken. Mal sehen wie gut ich bin. Für 20 Uhr hat J. einen Tisch in der Westfalenschenke reserviert, doch es ist erst 17:52 Uhr. Das Problem ist bekannt (Ich habe Hunger.) und ist das einzige bis jetzt, also ist alles im Lot. Leichte Nervosität habe ich bei anderen Regatta Teilnehmern festgestellt. Na ja, die üblichen Gespräche von Kabine zu Kabine, wenn man sich das Klopapier teilt. Ich hab gleich zu Anfang nachgesehen und die Rolle erneuert, er nicht. Dies ist wohl auch der Grund für den Freiraum unter den Trennwänden. Der Ausblick für heute Abend: Kühle Biere landeinwärts; Stärke 2-3 und Abseits des Fahrwassers halten. Over and out.
Nachtrag, obwohl ich sonst eigentlich nicht nachtragend bin. Am Abend waren wir noch kurz in der Bunten Kuh und haben zwei Cocktails verköstigt. Nach dem obligatorischen pinkeln ins Hafenbecken, dann ins Bett.


Tag 1 16.05.2005

Der Start

Der Tag begann wie jeder andere auch mit dem Aufstehen, dann Duschen, mit dem „Rabatt für Warmduscher“, im Schwimmbad und frühstücken in der „Marina“. Die Mitpäckenchenlieger hatten ihre lange Vorleine nicht dichtgeholt. Das Päckchen ging somit auf Tuch- bzw. GFK-Fühlung. Die Situation konnte jedoch durch H. schnelles Eingreifen, S. und meiner Mithilfe, dem Verrücken von Fendern, etc. zu unserer Zufriedenheit geändert werden. In 20 min. (11 Uhr) ist Steuermannsbesprechung und für 14:20 Uhr ist der Start unserer Gruppe, die vierte mit acht Teilnehmern, angesetzt. Der Wind ist übrigens NW um die 5 zunehmend. Ich lag also nicht so schlecht.
So, der Startschuss kam eine Minute zu früh für uns und damit auch noch unerwartet. Ob zu früh geschossen wurde, oder ob wir die Zeit nicht richtig genommen haben bleibt einer Stammtischdiskussion vorbehalten. Trotzdem konnten wir ein paar Stunden vor der „Luna“ segeln, bis auch die uns überholte. Bis zur Nacht waren noch viele in Sichtweite, doch durch den letzten Roundcall erfuhren wir, dass schon zwei Schiffe nicht an den Start gegangen waren. In der Nacht gab auch „Candidel“ auf und am Morgen war auch der rote Rumpf von „Bilbo“ auf dem Weg zurück nach Helgoland. In der Nacht grindeten(1) wir am Verkehrstrennungsgebiet entlang bei einer gefühlten Wellenhöhe, die Einheit hat S. erfunden, von 2m die im weiteren Verlauf auf 3m gesteigert wurde. Es war kalt (6°C) und zwischen durch ließen auch die Wolken ihr Wasser.


Tag 2 17.05.2005

Die südliche Nordsee

Die Bordroutine spielt sich ein. Beim morgendlichen Roundcall haben wir keinen mehr erreicht. Wir sind also am Ende des Feldes, doch am Anfang unseres Siegeszuges ;-). Wir sehen die Sache mehr olympisch. Die erste Mahlzeit mit Globetrotter war zufriedenstellend. Es scheint jetzt zwischendurch mal die Sonne, doch die Temperaturen bleiben in sehr klar definierten Grenzen von 6°C-13°C.


Tag 3 18.05.2005

Rendezvous mit den Bohrinseln

Viel Wind, Flaute, Regen, Hagel und Sonnenschein. Zu der gefühlten Wellenhöhe kommt noch die Teebeutelwindstärke(2). Die Benutzung des Klos ist bei Flaute sehr viel angenehmer, nur hatten wir bis jetzt keine. Bei Ausscheidungen von höherer Konsistenz sollte man allerdings einen Kurs auf Backbordbug bevorzugen. Auf die Frage nach einem „Point of no Return“ kam ein gibt es nicht zurück. Ich werde also auf der Doggerbank meine Überraschung auspacken: „Süßer Moment“ mit Schokogeschmack. Wir haben jetzt richtig Flaute und machen ca. einen Knoten, deswegen habe ich den süßen Moment preis- und auch ausgegeben. Und ich bin auch aufs Klo gegangen. Dafür scheint sogar die Sonne und wir haben 16°C unter Deck. Die Dünung ist noch vorhanden und lässt uns schaukeln und das Segel schlagen. Wir hoffen auf eine baldige Windänderung auf Süd, um unserem Ziel mit dem Spinnaker schnell näher zu kommen. Bei dem Wind ist es einem auch gegönnt die Mitsegler auf den Kojenpolstern liegen zu sehen. Sonst liegt man doch, abhängig von Kurs und Seite, entweder direkt im Leesegel oder auf den Schapps. Beides ist übrigens gemütlicher als man denkt, aber gegen das Bett zu Hause kommt es nicht an. So langsam merkt man den unregelmäßigen Schlaf, aber es tauchen noch keine Defizite deswegen auf. Hoffentlich kann ich dies alles hier noch lesen wenn wir wieder in Cuxhaven sind. Im Zweifelsfall gebe ich dies meinem Arzt oder Apotheker. Das schreiben hier an Bord ist halt doch nicht so leicht. Das A.I.S.(3) ist übrigens eine super Erfindung. Es erleichtert doch sehr die großen Pötte zu finden (bis zu 32nm entfernt) und diese im Zweifelsfall auch anrufen zu können, dank eingeblendeter MMSI und Schiffsnamen.


Tag 4 19.05.2005

Der Nachlass der Doggerbank

Wir haben am Morgen die Doggerbank hinter uns gelassen da der Wind endlich auf Süd gedreht hat und wir mit halben Wind und 6kn-8kn unseren Kurs in Richtung Edinburgh anliegen können. Es steigen jedoch von Zeit zu Zeit ein paar kleinere Seen in das Cockpit ein, dafür aber keiner von uns aus. J. hat uns heute Morgen mit Rührei begrüßt. Man kommt hier übrigens nicht viel zum Lesen. Die 38 Seiten, die ich bis jetzt habe werden wohl auch nicht mehr werden. S. ist gerade aufgestanden und J. hat fast panikartig die Tischplatte entriegelt, da S. irgendwie immer dagegen stößt. Bei dem Kampf 103 kg gegen Tischplatte muss irgendwann einer den Kürzeren ziehen und die Befürchtung liegt nahe, dass S. es nicht sein wird. Die Trockenanzüge sind eine wirkliche Bereicherung, das Wetter beziehungsweise die See lässt uns das im Moment sehr deutlich erfahren und auch die Arbeit auf dem Vorschiff wird durch den Anzug sogar fast erträglich. Es wird langsam auch Zeit unsere Leitsprüche zu erwähnen. Der am meisten genutzte ist: „Wir werden das weiter im Auge behalten.“ Und schön ist auch „Vorgehen nach eigenem Ermessen.“ Letzteren haben S. und ich jedoch nur wachintern genutzt. Erster wurde jedoch jedes Mal gebracht wenn etwas am Horizont, oder auch mal ein bisschen dichter, aufgetaucht ist. Gerne wird er auch bei Nacht genutzt, da die Objekte durch Seegang auch eine Kennung entwickeln können, obwohl sie keine haben. Anders die Objekte mit Kennung, die zum Teil für längere Zeit verschwinden und dichter als gedacht wieder auftauchen. Der Seegang macht vieles möglich. Mir fällt gerade die Stirnlampe entgegen, die eine sehr gute Bereicherung ist, wenn man unter Deck hantiert. Der Rotfilter davor sorgt dafür, dass die Crew nicht durch den Lichtschein geweckt wird und erhält auch die Nachtsicht des Auges, wenn man wieder an Deck kommt.


Tag 5 20.05.2005
Land!, oder doch nur Wolken?

Beinahe Kollision mit Baumstamm. Hört sich spektakulär an, war es aber nicht. Ob es der war den Artur seiner Zeit gesehen hatte? Die Möwe ist wohl mittlerweile verstorben. Schottisches Wetter hat sich auch schon eingestellt und auch die „Jan van Gents“ (Basstölpel) machen die Luft unsicher. Sie fliegen in Viererformation tolle Manöver um uns herum. Die Manöver haben sie scheinbar von der Royal Air Force abgekupfert. Wir haben in der Nacht den Spinnacker gesetzt und segeln/fahren/fliegen(?) unserem Ziel entgegen. Die Wellen verhelfen uns von den 7kn auch auf bis zu 9 kn und einmal gelang es mir auf einer besonders großen Welle die 10 kn Marke zu tangieren. Es blieb leider die einzige Welle dieser Art. Die ganze Zeit liegt die Frage in der Luft, ob die Schemen am Horizont schon die schottische Küste sind oder doch nur Wolken. „Wir werden das im Auge behalten.“ Wir schlafen übrigens wunderbar, dank leisem Boot und -33dB durch Ohrstöpsel von Hansaplast. Nur manchmal ist es umständlich nach dem Aufwachen den in der Nacht verlorenen Ohrstöpsel zu finden, aber es wurde bis jetzt jeder wieder gefunden. Zieldurchgang in Edinburgh um 17:14:02 Uhr nach MESZ (GMT +2h) und wir wurden von ein paar Einheimischen, George und Mary durch Klatschen, Tuten und lauten Begrüßungen empfangen. Wir haben als letzte den Hafen erreicht. Es wurden auch schon Gerüchte laut, dass wir aufgegeben hätten. Aber alles ist gut. Wir haben geduscht und sind jetzt ziemlich schrumpelig. Das warme Wasser ist auch alle. Jetzt warten wir auf die Ergebnisse der Berechnungen. Wir werden uns, nachdem wir Klar-Schiff gemacht haben, in die Stadt verholen und den Tag mit Speis und Trank ausklingen lassen.


1) Bei Skateboardfahrern das Rutschen mit dem Skateboard auf einer Kante. Kommt aus dem Englischen:
to grind
(ground) transitives Verb (zer)mahlen, zerreiben, -kleinern; Messer und so weiter schleifen; Fleisch durchdrehen; grind one's teeth mit den Zähnen knirschen; intransitives Verb schuften; pauken, büffeln;
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2) Wiederum auf S. und meiner Wache erfunden worden. Bei einer Böe wehte der Faden des Teebeutels fast senkrecht von der Tasse weg. Bei Teebeutelwindstärke zwei währe der Beutel aus der Tasse geflogen und man bräuchte einen zweiten Beutel. Die Windstärke zwei haben wir nicht erreicht und dann hätten wir auch andere Sorgen gehabt.

3) A.I.S. (Automatic Identification System) Zeigt Navigationsdaten des angewählten Ziels am Bildrand mit Schiffsnamen, MMSI Nummer, Entfernung, Position, Kurs, Geschwindigkeit an.